Aus dem Streit aussteigen

Die anstrengendsten Tage bei der Arbeit sind für viele jene mit Konflikten. Streitfälle gelassen lösen zu können, setzt gute Selbstkenntnis voraus.

KRISTIN ... |

Erst fangen die Backen an zu zittern. Dann rutscht man auf dem Stuhl hin und her. Und schließlich fängt man an zu schimpfen: „Das kann doch nicht wahr sein!“ Es ist passiert: Man ist auf 180.

 So oder so ähnlich spielen sich tausendfach Szenen am Arbeitsplatzab. Wo gearbeitet wird, gibt es immer auch Konflikte. Doch während es manchen gelingt, sie konstruktiv und souverän zu lösen, regen sich andere furchtbar über manche Angelegenheiten auf. Dabei sind die emotionalen Achterbahnfahrten in den meisten Fällen schlicht üerflüssig.

Kann man lernen, Konflikte souverän auszutragen, ohne sich dabeiaufzuregen? „Soziale Konflikte sind der größte Stressfaktor für Menschen überhaupt“, sagt der Coach Günter Hudasch, der bei Streitfällen im Büro berät. Außerdem ist er Vorstand vom MBSR-MBCT-Verband, dem Zusammenschluss der Achtsamkeitslehrer in Deutschland.

Sich mit Kollegen auseinanderzusetzen, stresst viele mehr als ein übervoller Terminkalender. Vermeiden lassen sich die Differenzen am Arbeitsplatz aber kaum. Es geht dabei eher selten um Sachfragen. Ganz unterschiedliche Typen, Arbeitsweisen, Charaktere und Werte treffen in der Berufswelt aufeinander – und das oft unter Stress und Zeitdruck. Kollidieren Interessen und Werte, ist der Konflikt da. Aber man kann lernen, sie gelassen zu lösen – und dasbedeutet nicht, ihnen aus dem Weg zu gehen.

 Regen sich Menschen am Arbeitsplatz selten auf, kennen sie sich häufig sehr gut selbst, sagt Susanne Klein, eine weitere Expertin zum Thema Konfliktlösung. JederMensch hat bestimmte Werte, bei deren Verletzung er an die Deckegeht. Der eine regt sich sehr über Ungerechtigkeit auf, der nächsteüber Unverbindlichkeit, wieder andere stört Unpünktlichkeit oder Respektlosigkeit. Zu erkennen, was einen stört, ist der erste Schritt, um den Konflikt souverän zu lösen, erklärt Klein. Denn dann kann man aus einer Situation aussteigen und reagiert nicht impulsiv, wenn jemand bestimmte Knöpfe drückt.

 Ein Beispiel: Kollege X braucht vom Kollegen Y jede Woche bis Mittwoch bestimmte Unterlagen, damit er seine Arbeit machen kann. Kollege Y schickt die Unterlagen in vielen Fällen jedoch zu spät – statt am Mittwochabend am Donnerstagmittag. Kollege X regt sich darüber maßlos auf, vor allem ärgert ihn die Respektlosigkeit von Y.

Viele verharren in dieser Situation und handeln reaktiv, erklärt Hudasch. Die Unterlagen fehlen am Mittwochabend, und schon ist der Groll da. „Das ist ein völlig unbewusstes, direktes Reagieren auf Verletzungen von anderen“, sagt Hudasch. Wer gut im Konfliktelösen ist, steigt hier aus, analysiert die Situation, und gibt dem Kollegen Y dann eine neue Deadline. Die kann so aussehen, dass Y die Unterlagen immer schon am Dienstagabend schicken soll. Sendet er sie dann zu spät, ist es erst Mittwoch und der Kollege X bei zu später Lieferung immer noch im Zeitplan.

 Sind Menschen besonders souverän im Umgang mit Konflikten bei der Arbeit, haben sie außerdem häufig ein gutes Selbstbewusstsein. Sieziehen sich bestimmte Schuhe erst gar nicht an, sagt die Business-Trainerin Mareike Große-Darrelmann. Eine Aussage von anderen interpretieren Berufstätige ganz unterschiedlich. Ein Beispiel: Die Kollegin X sagt zur Kollegin Y: „Das Papier im Drucker ist ja schon wieder alle.“ Fühlt sich Kollegin Y wenig respektiert und anerkannt, antwortet sie vielleicht patzig: „Ich bin doch hier nicht das Mädchen für alles.“ Wer in seiner Rolle sehr sicher ist, und weiß, was seine Aufgaben sind, würde antworten. „Oh ja stimmt, das Papier ist dort hinten.“

 Wer sehr souverän Konflikte löst, ist außerdem häufig sehr gut darin,sich selbst und sein Verhalten zu reflektieren. Er stellt sich erst einmal die Frage: Warum gerate ich am Arbeitsplatz immer wieder in die Situation, dass ich mich aufrege? Welche Situationen machen Ärger, und wie kann ich die angehen? Und er ist gut darin, Situationen, die er selbst nicht ändern kann, zu akzeptieren.

 Regen Menschen sich im Büro selten auf, gelingt es ihnen außerdem, die Kollegen für ihre Art und Weise zu achten, sagt Große-Darrelmann. Sie wissen, wo die roten Linien ihrer Kollegen sind und übertreten diese nicht. Ist es jemandem etwa sehr wichtig, pünktlich Schluss zu machen, damit er Zeit mit der Familie verbringen kann, achtet man als Kollege darauf und kommt nicht mit einem wichtigen Anliegen fünf Minuten vor Dienstschluss. Hat jemand ein Bedürfnis nach Harmonie am Arbeitsplatz, führt man wütende Wortgefechte lieber mit Personen, die das besser wegstecken können.

Wer im Team immer wieder mit anderen aneinandergerät, sollte für sich versuchen herauszufinden, wo die roten Linien der anderen liegen. Und er sollte sich fragen, ob er selbst weiß, wo seine roten Linien sind. Dann kann man dem anderen leichter mitteilen, was einen stört.

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