Textil- und Modeschneider haben viele Perspektiven

Auszubildende zum Textil- und Modeschneider haben unterschiedliche Ziele. Die Branche ist allerdings im Umbruch, eine Jobgarantie gibt es nicht.

INGA DREYER, DPA |

Wer sein Hobby zum Beruf machen möchte, braucht Geduld und Durchhaltekraft. Das gilt auch für angehende Schneider. „Man muss die Leidenschaft dafür haben“, sagt Nora Strutzke. Die 18-Jährige hat im vergangenen Herbst ihre Ausbildung zur Textil- und Modeschneiderin am Oberstufenzentrum für Textiltechnik und Bekleidung (OSZ) in Berlin begonnen.

Seit ihrem zehnten Lebensjahr näht die junge Frau vor allem historische Kostüme. „Ich bin totaler Geschichtsfan“, erzählt sie. Irgendwann habe sie gemerkt, dass sie kein Abitur machen, sondern lieber etwas Praktisches lernen möchte.

Obwohl sie Vorkenntnisse mitbringt, stellt sie die Ausbildung immer wieder vor Herausforderungen. Momentan arbeitet die Klasse an einer klassischen Bluse. Der Kragen sei das Schwerste, verrät Nora Strutzke. „Das sind so Sachen, an denen man verzweifeln kann.“

Qualitätsbewusstsein sei neben handwerklichem Geschick eine der wichtigsten Voraussetzungen für angehende Textil- und Modeschneider, erklärt Nathalie Schwarz, Ausbilderin und Sprecherin der Fachpraxis-Kolleginnen am OSZ. Sie erzählt, dass die Auszubildenden selbst aus Geldmangel eher bei billigen Bekleidungsketten kaufen. Erst in der Ausbildung lernten sie dann, wie gute Verarbeitung und hochwertige Stoffe aussehen.

Die selbstgenähten Kleidungsstücke verkaufen die Berliner Auszubildenden im schuleigenen Laden. So produzieren sie gleich von Anfang an für Kunden. Ausbildungsinhalte sind die Herstellung von kleinen Serien, Mustern und Prototypen von Bekleidung, aber auch von Heimtextilien und Taschen oder Rücksäcken. Nach zwei Jahren sind die Auszubildenden fertige Textil- und Modenäher. Dann können sie direkt in den Job einsteigen oder noch ein Jahr für die Ausbildung zum Textil- und Modeschneider dranhängen. Dort spezialisieren sie sich auf einen Bereich: Prototypen und Serienfertigung, Schnitttechnik oder Arbeitsvorbereitung und Qualitätsprüfung.

Neben dem Nähen und Zuschneiden geht es auch ums Drumherum: Lagerung, Kundenbetreuung und Vorbereitung für den Versand. Einen bestimmten Schulabschluss müssen Bewerber nicht vorweisen. Der Vorteil an der schulischen Ausbildung sei die Bandbreite der Lehrinhalte, erzählt Nathalie Schwarz. Vom Rock über Blusen, Kleider, Jacken und Hosen ist alles dabei. Die Ausbildung am OSZ ist gratis, wird aber nicht vergütet – im Gegensatz zu betrieblichen Ausbildungen. Dort seien Azubis von Anfang an in die Produktionsabläufe eingebunden und lernen so Zeit- und Qualitätsdruck kennen, erzählt die Ausbilderin.

Betriebe, die zum Textil- und Modeschneider ausbilden, gibt es allerdings immer weniger. Anfang der 2000er habe es in Deutschland einen Einbruch in der Textilindustrie gegeben, berichtet Michael Assenmacher, Referatsleiter für technische Berufe beim Deutschen Industrie- und Handelskammertag (DIHK). Der Großteil der Branche konzentriert sich seitdem auf den Süden Deutschlands oder ist ins Ausland abgewandert. Das zeigt sich auch in den Ausbildungszahlen. So berichtet Marlies Dorsch-Schweizer vom Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB), dass die Zahl der Modenäher-Azubis in den vergangenen zehn Jahren um zwei Drittel zurückgegangen ist, die der Modeschneider-Azubis um die Hälfte. 2015 gab es in Deutschland noch rund 280 Azubis im Bereich Modenäher und rund 190 Azubis im Bereich Modeschneider.

Um auf die aktuellen Entwicklungen in der Branche einzugehen, wurden die Inhalte der Ausbildung vor kurzem verändert. Im Zentrum stehen nun Materialien und neue Verarbeitungstechnologien. „Es entwickeln sich neue Fertigungstechniken – gerade, wenn man an den Bereich der Funktionstextilien denkt“, erzählt Michael Assenmacher. Auch im Bereich der Prototypenproduktion würden in Deutschland Fachleute gesucht, die komplexe Maschinen bedienen können. „Das ist einer der Schwerpunkte, die neu in die Ausbildung aufgenommen wurden“, erzählt Assenmacher.

Er gibt sich optimistisch, was die Zukunft der Branche angeht. Einige Textilunternehmen seien sogar nach Deutschland zurückgekehrt, berichtet er. Auch Textil- und Modenäher würden noch gebraucht – zum Beispiel von einigen hochwertigen deutschen Modelabels. Eine Jobgarantie gibt es aber nicht, daraus macht auch Ausbilderin Nathalie Schwarz keinen Hehl. Sie spornt ihre Schüler deswegen an, ehrgeizig und fleißig zu sein.

Manche Absolventen schließen eine Weiterqualifizierung als Bekleidungstechniker an, die zum Beispiel die Produktion großer Betriebe überwachen. Andere nutzen die Ausbildung als Grundlage für ein Designstudium oder machen sich selbstständig. So entstünden derzeit immer mehr kleine Modelabels, beobachtet Nathalie Schwarz.

Ähnliche Pläne hat Nora Strutzke: Ihr Traum ist es, selbstständig Kostüme für Bands zu designen. Oder ans Theater zu gehen und Kostüme zu schneidern.

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