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Kathrin Pehl ist Gerichtsvollzieherin. Wenn sie Schulden eintreibt, kann sie in gefährliche Situationen geraten. Angst zeigen gibt es aber nicht.

LENA MÜSSIGMANN, DPA |

Verschuldet, verzweifelt und manchmal aggressiv: Viele Leute machen die Türe nicht auf, wenn Kathrin Pehl klingelt. Wird die Gerichtsvollzieherin doch in die Wohnung gebeten, kann es gefährlich werden. Auch in ihrem Büro seien Schuldner schon ausgerastet, erzählt die 27-Jährige.

Statt einer kugelsicheren Weste hat sie sich einen Panzer aus Selbstbewusstsein zugelegt. „Man muss hinstehen und sich sagen: Ich hab keine Angst. Wenn man unsicher rüberkommt, ist das sehr unklug.“

 Ein Gerichtsvollzieher treibt Schulden ein, die trotz mehrfacher Mahnung nicht bezahlt wurden. Pehl hat pro Monat in ihrem Sindelfinger Gebiet etwa 250 Fälle. Sie geht etwa zwei Mal pro Woche von Schuldner zu Schuldner. „Da erreicht man am meisten“, sagt sie.

Die junge Frau beschreibt sich als sozial engagiert und konsequent. Über ihren Job sagt sie: „Das ist voll mein Ding.“ Ihr einstiger Job im Notariat drohte vor einigen Jahren wegzufallen, weshalb sie die Weiterbildung zur Gerichtsvollzieherin gemacht hat.

 An einem Morgen steht in ihrem Bezirk eine Pfändung an: Entschlossen läuft sie mit einem Aktenstapel im Arm auf die Haustür eines Autohändlers zu, der mehrere tausend Euro Schulden hat. Ein von Pehl bestellter Abschleppwagen fährt mit blinkenden Lichtern in die Einfahrt. Pehl will vom Hof des Autohändlers einen weißen Kombi mitnehmen, der bei einer Zwangsversteigerung genug Geld einbringen würde, um die Schulden zu tilgen.

Der aufgebrachte Autohändler rennt auf den Hof, gestikuliert wild, fordert, die Aktion zu stoppen. Nach einem Telefonat mit dem Anwalt, der das Geld einfordert, wird die Pfändung abgebrochen. Der Mann hat versprochen, innerhalb von zwei Tagen alle Schulden zu begleichen.

Der Abschleppdienst fährt davon, Pehl hat rote Wangen. Die Konfrontation mit Schuldnern ist aufregend, intensiv, in ihrem Verlauf unvorhersehbar. In Karlsruhe wurde vor vier Jahren, im Juli 2012, ein 47-jähriger Gerichtsvollzieher erschossen, als er zur Zwangsräumung bei einem 53-Jährigen vor der Wohnungstür in Karlsruhe stand. In der Ausbildung von Gerichtsvollziehern wird seitdem mehr über Deeskalation und Eigensicherung gesprochen, teilt das baden-württembergische Justizministerium mit. Pehls Familie weiß um die Gefahren, die ihr Job mit sich bringt. „Meine Mutter sagt: Rufst an, wenn du auf dem Heimweg bist“, erzählt die Frau mit dem blonden Kurzhaarschnitt. Körperliche Angriffe auf Gerichtsvollzieher bewegen sich nach Angaben des baden-württembergischen Justizministeriums seit Jahren auf niedrigem Niveau. Allerdings berichtet der Vorsitzende des baden-württembergischen Landesverbandes im Deutschen Gerichtsvollzieher Bund, Rüdiger Majewski, von zunehmender Respektlosigkeit und von Drohungen, wenn seine Kolleginnen und Kollegen Geld eintreiben. Wie kann man sich überhaupt vor ausrastenden Schuldnern schützen? Gerichtsvollzieher tragen schließlich keine Waffen. Der Selbstverteidigungstrainer Joachim Bender aus Heidelberg hat schon Kurse für die Berufsgruppe gegeben. Er rät zur verbalen Selbstbehauptung. Bei körperlichen Auseinandersetzungen ziehe man schnell den Kürzeren. „Bei einem trainierten Gegner sollte man nie  auf Konfrontation gehen“, sagt er. „Die erste Option ist, abzuhauen.“

Pehl hat sich Sicherheitsregeln zurechtgelegt, die auch der Selbstverteidigungsexperte Bender empfiehlt: Sie halte das Handy immer in der Hand, um gegebenenfalls Hilfe zu rufen, und habe die Tür nach außen stets im Blick. Erstmal setzt sie aber aufs Reden. „Ich sage mir, dass ich in der Mitte stehe, zwischen Gläubiger und Schuldner. Ich verstehe beide Seiten“, erzählt sie. „Oft sage ich: Wenn jeder zahlt, muss ich nicht kommen.“

Wenn es besonders heikel wird, kommen Gerichtsvollzieher auch mal gemeinsam mit der Polizei zum Schuldner. Respektlosigkeit kennt Pehl. Männer geben ihr oft zu verstehen, sie sei „nur ein junges Mädchen“, erzählt sie. Frauen zollten ihr hingegen Respekt dafür, dass sie diesen Job macht.

Neuer Studiengang

Berufsbild In Baden-Württemberg arbeiten 533 Gerichtsvollzieher (Stand 2015), darunter 211 Frauen (40 Prozent). Gerichtsvollzieher sind Beamte, die einem Amtsgericht angehören. Sie unterhalten ein eigenes Büro, bei Bedarf mit eigenen Angestellten. Ein Gerichtsvollzieher muss sich mit der Rechtslage auskennen und betriebswirtschaftliche sowie psychologische Kenntnisse haben. Gerichtsvollzieher werden erfolgsabhängig bezahlt: Neben ihrer Beamtenbesoldung erhalten sie Anteile der von ihnen erwirtschafteten Gebühren. 

Ausbildung Baden-Württemberg führt als erstes Bundesland ein Studium für Gerichtsvollzieher ein. Im September 2016 startet erstmals der dreijährige Studiengang an der Fachhochschule Schwetzingen, Hochschule für Rechtspflege. Bislang konnten sich Justizfachwirte mit Berufserfahrung in einem 20 Monate dauernden Lehrgang  zum

Gerichtsvollzieher weiterbilden lassen. dpa

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